Nachdem ich eine Nacht im ueberheizten Kellerzimmer verbracht hatte, fuehlte ich mich nicht gut. Den Tag davor hatte es unaufhoerlich geregnet und ich bin trotzdem Ski gefahren, natuerlich. Japan ist kein Land fuer Weicheier. Kurz vor Liftende hatte ich noch Yusuke kennengelernt. Er fuhr auch allein Ski, allerdings sehr gut, das war mir aufgefallen. Jedenfalls habe ich mich frech zu ihm in den Lift gesetzt und schon gab es keine Alleinfahrer mehr in Nozawa Onsen. Wir sind dann zusammen den Panoramic Course runter und gleich wurde meine Armhaltung kritisiert. Jetzt hatte ich auch noch einen Skilehrer. Wir haben uns jedenfalls am naechsten Tag auf dem Gipfel verabredet. Und trotz Halskratzen nach der Kellernacht bin ich los, wir hatten keine Telefonnummern ausgetauscht und es waere sehr unhoeflich gewesen.
Der Tag war sehr lustig. Yusuke faehrt schon seit Jahren nach Nozawa und so fanden wir immer Pisten ohne Sonntagsfahrer, die ploetzlich eingefallen waren und unsere Lieblingsgipfelabfahrt verstopften. Wenn ich nicht mehr konnte, gingen wir Tee trinken und Yusuke versuchte, mit seinem Uebersetzungscomputer Verstaendigungsprobleme zu loesen. Das Liftfahren wurde zum Japanisch- und Deutschunterricht. Er besserte mit Milchbonbons mein Halsweh und ich hatte jemanden, der die Trockenfische aus meiner Crackertuete ass. Er fand, dass ich ganz schoen gross bin, die naheliegende Antwort habe ich mir verkniffen.
Irgendwann kurz vor Liftende habe ich jedenfalls schlapp gemacht. Ich fuehlte mich krank und wenn die Beine nicht mehr gehorchen, wird das Bergruntersausen gefaehrlich und macht keinen Spass mehr. Yusuke hat mich noch runtergebracht und dann im Hotel hatte ich schon fast 40 Fieber. Kein Wunder, dass die Beine nicht mehr wollten. Krank, umringt von schneebedeckten Bergen, kurz vor Silvester. Bitter. Auch am naechsten Tag war es nicht besser, ich konnte nicht sprechen und musste notgedrungen nach und nach meine Souvenirs aufessen. Schokolade aus Sapporo und Bonbons aus Fukuoka halfen mir durch den Tag. Das australische Hotel bietet nur Marmeladetoast zum Fruehstueck und sonst nix. Der Weg zum Wasserkocher kam mir sehr lang vor. Aber es gab keine Unterstuetzung. Yusuke wartete oben auf dem Berg und ich konnte nicht anrufen.
In meinem Zimmer schlief noch ein suedafrikanischer Familienvater, der nach wenigen Stunden auch zu husten anfing. Nun waren wir das Krankenzimmer und zwei frisch angekommene Chinesen entschlossen sich gluecklicherweise zu einem Wechsel in ein Doppelzimmer.
Am naechsten Tag bin ich dann durch dichten Schneefall ins Dorf gewandert, um die Essensvorraete aufzubessern. In der Apotheke habe ich versucht, pantomimisch einen Halsbonbon darzustellen, ich wusste nur das Wort fuer Schmerz. Die Bonbons haben nicht geholfen.
Im Hotel gab es nur einen Computer an der Rezeption. Als ich bat, ihn benutzen zu duerfen, um wenigstens ein paar Neujahrsgruesse loszuwerden, wurde ich auf einen Laden im Dorfzentrum verwiesen. Der Laden war geschlossen und ich verfluchte Australien. Ich habe dann einen Japaner nach einer Telefonzelle gefragt und er hat mich sehr nett hingebracht, obwohl der Weg einfach zu beschreiben gewesen waere. Fuer die Entschuldigung bei Yusuke halfen die unzaehligen 100 Yen-Muenzen wenig. Dann ging es schnell wieder ins warme Bett. Meine Silvesterparty bestand aus Instant-Nudelsuppe, einem Kilo Clementinen und Kaese fuer ein bisschen Heimatgefuehl.
Unten im Hotel war die Hoelle los. Jemand hatte Schnapsflaschen gekauft, in denen ganze Insekten schwammen. Bis auf zwei Paare gab es nur maennliche Gaeste im Haus. Australien und England, keine ruhige Mischung. Mein Zimmernachbar kam kurz vor Mitternacht und wollte schlafen gehen. Ich habe ihn ueberredet, damit noch bisschen zu warten. Kurz nach Mitternacht kam er wieder und wir haben das Licht ausgemacht.
Dank Fiebertabletten pendelte ich zwischen 38 und 39 Grad und am Neujahrsabend bot sich endlich jemand vom Hotel an, mich ins Krankenhaus zu fahren. Er hat vorher dort angerufen, doch als wir mit dem Taxi dort waren, machte keiner die Tuer auf. Kein schoener Ausflug. Beim naechsten Versuch am naechsten Morgen hatten wir mehr Glueck. Im Wartezimmer war ich die einzige, die Arme und Beine ohne Schmerzen bewegen konnte, wenn man vom Personal absah. Ueberall Gipse und der Snowpatrolbus brachte immer neue Opfer. Meine nichtrepraesentative Studie besagt, dass Snowboarden gefaehrlicher ist als Skifahren.
Dann war ich endlich dran und der Arzt war sehr erfreut, nicht weil es ein anderes Leiden war, sondern weil er Deutsch sprechen konnte. Er ist mal laenger in Muenchen gewesen und die vier Krankenschwestern guckten nicht schlecht. Also: Lymphe anschwellen, Hals rote, Lunge nicht, Bauch nicht. Tonsilitis, Grippe. Tabletten, Pulver und Gurgelloesung. Fertig und tschuess. Draussen bekam ich dann einen bunten Medikamentenplan und eine Tuete mit den Sachen. 40 Euro und ich konnte wieder ins Hotel fahren. Aber warum waren in diesem kleinen Sprechzimmer vier Krankenschwestern? Ich hatte vergessen zu fragen.
Am naechsten Tag war das Fieber endlich unter 38 Grad und ich konnte Nozawa Onsen und Lodge Nagano wie geplant verlassen. Schade, dass aus dem Skifahren nichts mehr geworden ist. Wenn ich mit Fieber durch das Dorf gewankt bin, sah alles aus wie im Maerchen. Der Schnee lag auf den Daechern und zwischen den Haeusern rauschten kleine Fluesse. Einheimische liefen mit Regenschirmen durch die Gassen oder trugen diese alten Huete, die wie ein flacher Kegel geformt sind, um sich vor dem Schnee zu schuetzen. Die Onsen dampften und aus den kleinen Restaurants drangen froehliche Stimmen. Schade, aber vielleicht kann ich ja mal irgendwann wiederkommen. Ohne Australien.

