Ich fahre nach Nozawa Onsen, denn dort gibt es Berge zum Skifahren und 13 Onsen, fuer eine Onsen-Hopping-Tour nach einem Tag auf den Pisten. Scheint in Nagano die Sonne noch auf trockene Buergersteige, so versinkt Nozawa im Schnee. Langsam klettere ich mit Gepaeck die steilen, verwinkelten Gassen zum Hotel hinauf. Lodge Nagano wird von Australiern gefuehrt und ich werde erstmal nicht empfangen. Kein Tee, keine Suessigkeiten. Nach einigen Minuten kann ich aus den herumluemmelnden und laermenden Leuten eine Frau als Mitarbeiterin ausmachen. Ich moechte einchecken. Name. Aha. Ob ich eine Reservierungsbestaetigung habe. Jo. Es scheint Probleme zu geben, jedenfalls verschwindet sie kommentarlos. Nach zehn Minuten kommt sie in Begleitung wieder. Ob ich meine Reservierungsbestaetigung zeigen kann. Ich zeig Ihnen vier E-Mails, die ich bereits von Ihnen bekommen habe. Eine grosse Diskussion beginnt und ich verstehe wenig. Am Ende werde ich von einem befreundeten Ehepaar des Hauses in eine andere Pension mitgenommen. Dort bleibe ich fuer zwei Naechte, dann komme ich zurueck zur Lodge Nagano und kann nach einer Nacht im Keller endlich in meine gebuchte Bleibe wechseln. Der Teppichboden hat diverse undefinierbare Flecken. Koennte Blut sein. Entgegen japanischer Gewohnheiten lasse ich die Schuhe an. Wird hier aber auch nicht anders erwartet.
Kurz nach meiner Ankunft werde ich zur Besaenftigung gleich auf die Piste geschickt. Die Sonne scheint und man hat eine fantastische Sicht. Manchmal kann man wohl auch das Japanische Meer sehen. Ueberall glitzert der Schnee, die Gondolas rattern langsam nach oben. Keine Musik stoert die Idylle. Die Pisten sind fast leer und als meine australische Begleitung von icy slopes spricht, gucke ich verstaendnislos. Selten so guten Schnee gehabt, fast Neuschnee. An den Liften steht selten jemand vor mir und wenn warte ich maximal vier Gondeln. Es gibt extrem breite Anfaengerhaenge, die so soft abfallen, dass ich gleich auf den Gipfel will. Dort ist es besser und noch weniger Menschen wedeln herunter. Am Abend probiere ich den Panoramic Course und kaempfe mit meiner Hoehenangst. Gute Sicht hat auch ihre Nachteile. Die Berge sind sehr hoch und fallen oft sehr steil ab, so dass die Pisten oben auf dem Kamm herunterfuehren. Dieser ist z.T. sehr schmal und am Rand weder mit Stangen markiert noch gibt es Fangnetze, die einen davon abhalten, fuer immer von der Piste abzukommen. Mehrmals muss man groessere Anhoehen meistern, was dazu fuehrt, dass man versucht mit viel Tempo anzusausen, um nicht wie die Snowboarder hochstapfen zu muessen. Rechts und links lauert der Abgrund, vor einem noch eine leichte Kurve, die Geschwindigkeit nimmt langsam unkontrollierbare Ausmasse an und dann kommt ein letztes Zeichen japanischer Regulierungswut. Mitten auf der engen Piste steht ein grossen Banner mit einem SLOW drauf. Doch an diesem Punkt ist bereits alles zu spaet, das Schild nur noch ein Hindernis und die Rechts- als auch Linkspassage ein gefaehrliches Manoever. Oben auf dem Berg freut man sich, dass man noch da ist und saust weiter.
Das Skigebiet ist nicht mit anderen verlinkt, doch man kann trotzdem ein paar Tage Spass haben. Die schwarzen Pisten sind fast leer, was daran liegen mag, dass die Japaner nicht lange in den Urlaub fahren und sich in anderthalb Tagen nicht viel lernen laesst. Es wird sehr ruecksichtsvoll gefahren und ich freue mich, dass ich mich mit Skibrille unauffaellig bewegen kann. Endlich kein komischer Auslaender mehr. Nur am Lift sitzt man meist allein in seiner Gondel. Gruende der Hoeflichkeit verbieten es, quasi zu einem Fremden einzusteigen. Ich mache es trotzdem manchmal, aber es gibt nie Gespraeche. Werden Verletzte geborgen, bleibt niemand stehen und glotzt, alle fahren unauffaellig weiter. Nur in den ueberfuellten Restaurants sitzt man zusammen an den langen Tischen und ich lerne sehr nette Leute kennen. Die Auslaender essen meist etwas aus dem Automaten oder haben sich etwas mitgebracht und so sitzt man zwischen vielen, vielen Japanern und isst erschoepft seine heisse Nudelsuppe. Ueber den Restaurants gibt es oft Ruheraeume, in denen man sich etwas aufwaermen kann ohne etwas essen zu muessen.
Noch etwas zu den Liften. Warum auch immer gibt es keine Schlepplifte. Nur Sessel und Gondolas. Die Sessellifte haben meist keinen Sicherheitsbuegel und somit auch keine Moeglichkeit, die Ski abzusetzen. Die Schwerkraft zieht die Beine nach unten und wenn der Wind den Sessel wackeln laesst, halte ich mich aengstlich fest. Hier gibt es noch Potential in der ansonsten nach fuer den Kunden nach Bequemlichkeit suchenden Gesellschaft. Aber vielleicht wollen Japaner auch mal nicht eingezwaengt sein.
Viele Lifte haben deutsche Namen. Es gibt den Schneidercourse und viele Pisten heissen Gelaende. Pension Schnee ist sehr beliebt, der Tannenhof auch und mit St. Anton wird eine Staedtepartnerschaft gepflegt. Die Oesterreicher haben den Skisport nach Japan gebracht und ueberall gibt es noch Zeichen davon, ohne das deutschsprechende Touristen anwesend waeren. Stattdessen ist das Skigeschaeft immer mehr in australischer Hand, sehr zum Unmut der Einheimischen, wie ich in einem kleinen Cafe erfahre. In meinem australischen Hotel gibt es zum Fruehstueck nur Toastbrot und Marmelade. Keinen Reis, kein Gemuese, keinen Fisch, keine Misosuppe. Nicht dass ich mich nach dem Fisch sehne, aber ein bisschen Reis… Das Hotel liegt preislich weit unter den japanischen und durch eigenen Skiverleih helfen sie den Gaesten, moeglichst wenig mit den Japanern in Kontakt zu kommen. Wenn jemand abends essen gehen will, fragt das Personal, ob vielleicht Pizza oder Fisch und Chips angenehm waeren. Von den Cafes oder der Karaokebar, die ich in drei Tagen kennengelernt habe, hatten sie noch nichts gehoert. In dem Ort leben 4000 Leute, da sollte man eigentlich schnell alle Moeglichkeiten kennen. Aber vielleicht liegt es auch an den Gaesten. Einer amerikanischen Familie wurde der Fruehstuecksraum gezeigt, woraufhin sie antworteten, sie waeren auf alles vorbereitet und haetten ausreichen Lebensmittel wie Wuerstchen dabei. Aaaah.
Die Gefahr, auf nackte Amerikanerinnen in den Onsen zu treffen ist auch relativ gering. Es ist lustig, wie am Abend unzaehlige Einheimische und Gaeste zu den Onsen pilgern, bewaffnet mit einem Handtuch und einem Stueck Seife, manche nur in der japanischen Version eines Bademantels. Das Wasser ist tendenziell immer etwas zu heiss, aber nach einem Tag auf der Piste ist das egal. Das warme Wasser sprudelt froehlich aus dem Erdinneren und entspannt die Muskeln. Kleine Maedchen quietschen, weil es zu heiss ist und sie sich nicht reintrauen. Andere springen mutig rein und geniessen die Anerkennung der Erwachsenen. Alte faltige Frauen waschen sich langsam und gruendlich, so, also wollten sie noch ein bisschen laenger nicht zuhause sein. Das Becken selbst ist relativ klein, vielleicht zwei mal drei Meter und ringsherum ein Gemisch aus mueden Muettern und quirligen Touristinnen.
Das Maenner- und Frauenbad sind durch eine hohe Wand getrennt. Die Frauen scheinen sich in der Abwesenheit von Maennern zu veraendern. Sie sprechen nicht mehr so hoch, es wird nicht mehr gekichert, sondern gelacht. Die Blicke sind nicht gesenkt, sondern stolz und auch entspannt. Die Stimmen und Geraeusche der Maenner dringen durch die duenne Holzwand und manchmal beginnt eine Konversation ueber die Wand hinweg. Dabei scheinen die Frauen viel frecher als sonst und es gibt viel Gelaechter. Am Ausgang treffen dann alle wieder aufeinander.
Die naechsten Tage schneit es unaufhoerlich und nur am Wochenende werden die Pisten voller. Der Skipass ist etwas guenstiger als in Europa und so kann man das Skifahren in Japan nur empfehlen (140 Euro fuer 6 Tage). Auch bei schmalerem Budget wuerde ich das naechste Mal die Pension Schnee oder ein anderes japanisches Hotel dem australischen Hotel vorziehen. Der Service ist einfach viel besser. Und man kann nicht die ganze Nacht im Onsen bleiben…