Henrike’s Weblog

Kaltes WONDER

Januar 18, 2008 · Kommentar schreiben

Es wird langsam kaelter. Heute lausige 3 Grad und keine Sonne erwaermt das Herz. Ich habe mich wieder zum Uenopark aufgemacht, in der Hoffnung, Fotos von den Obdachlosen machen zu koennen. Vom Hotel sind es ungefaehr 40 Minuten Fussweg und hier begegne ich bereits einigen. Sie sitzen auf Spielplatzbaenken oder suchen nach Buechsen. Im Uenopark selbst soll es die meisten Obdachlosen in Tokyo geben. Warum gerade da, weiss ich nicht, denn der Park ist nicht besonders schoen, noch haesslich. Direkt neben einem kleinen Vergnuegungspark mit buntem Karoussel und Crepeverkauf gibt es eine Siedlung, gebaut aus blauen Planen. Kleine Zelte, vielleicht zwei qm gross. Ich fotografiere einen Mann, der gerade seine zwei Katzen fuettert. Er sagt aber nichts, wenn ich ihn etwas frage. Ein anderer kommt gerade mit dem Fahrrad an, und zeigt mir gekreuzte Untername, das japanische Zeichen fuer “nein”.Ich laufe weiter und sehe kaum Obdachlose. Vielleicht gibt es doch so etwas wie Winterunterkuenfte? Am Ende des Parkes sitzen dann aber alle. Auf dem Asphalt haben sie Zeitungen ausgebreitet und sie sitzen wie in einem Tempel. Vorn haelt jemand eine Rede. Ich verstehe Hareruja und Amen. Auf dem Benz klebt ein rotes Kreuz, das der Kirche. Da sitzen sie brav und hoeren zu, geordnet in Reihen und am Ende beten sie und heben dabei die Faust. Dann stehen sie auf und warten. Die erste Reihe geht zu einer Art Versorgungsstrasse, in mitgebrachte Tueten werden Lebensmittel gepackt, nicht viel, aber eben etwas. Bevor sie loslaufen, werfen sie noch die Zeitung, auf der sie gesessen haben, in dafuer bereitgestellte Saecke. Alles hat auch hier seine Ordnung. Es gibt ungefaehr 20 Reihen mit je 25 Leuten. Sie warten geduldig, Reihe fuer Reihe wird aufgerufen. Die ersten stroemen in den Park und begutachten die Lebensmittel. Es gibt ein Toastbrot der Marke WONDER, 1,5 Liter Saft, eine Packung Wurst und Kleinkram. Nicht sehr japanisch. Die meisten fangen sofort an zu essen und die Leute aus der letzten Reihe laufen verstohlen zu Freunden, um schon mal was im Magen zu haben. Die letzte Reihe wartet ungefaehr eine Stunde.Passanten gehen etwas schneller wenn sie vorbeikommen. Frauen in Kimonos halten sich nicht an die sechs kleinen Schritte pro Tatamimatte, sondern laufen fast.Ich habe ein paar Fotos gemacht, aber es ist irgendwie komisch, und dann habe ich mich in der Naehe hingesetzt und gefroren. Langsam kamen sie mit ihren Tueten und waren voller Vorfreude auf den Inhalt. Ich habe ein bisschen mit einem Mann gesprochen, aber mein Japanisch ist noch zu schlecht. Dann stand eine Frau in meiner Naehe und wir haben zumindest versucht, etwas zu sprechen. Ich bringe mein immer gutes “Es ist ganz schoen kalt, oder.” Sie sah sehr nett aus und hat viel gelacht. Ich bin sitzen geblieben und wurde heimlich beobachtet. Immer wenn man jemanden dabei entdeckt, schaut er schnell weg, manchmal lachen sie aber auch. Einer wuselte schon ziemlich lange an meiner Seite rum und als er sah, dass ich mit der Frau sprach, kam er naeher und erklaerte mir, dass sie alle obdachlos sind, auf English. Jeden Freitag kommen die Christen und verteilen Essen. Ich frage, ob es von dem Shintoschrein, keine hundert Meter entfernt, auch mal was gibt, nie. Nur die Christen bringen Essen. Im Uenopark sind sie 500 Obdachlose, in Tokyo wohl 6000. Wahrscheinlich sind es mehr. Alter meist um die 60 Jahre. Der Staat zahlt keinerlei Unterstuetzung und eine warme Uebernachtung wuerde 1000 Yen kosten (7 Euro). Unterhalten klappt ganz gut und als sein Freund kommt, faengt er an zu dolmetschen. Sein Freund holt zwei harte Rosinenbroetchen hervor. In meiner Tasche finde ich noch eine Banane und eine Clementine. Sie freuen sich, Vitamine. Morgen kommen die Christen wohl wieder, andere Christen. Dann gibt es die lange Schlange, die ich schon im Dezember gesehen habe. Mal sehen, mir laeuft die Nase von dem Rumsitzen im Kalten. Auf dem Weg zurueck treffe ich die Frau wieder. Sie sitzt mit Freunden auf einer Bank und winkt mir nett zu.

Homeless in Ueno

Predigt fuer die Obdachlosen

Kategorien: Japan · Reisen
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