Schon vorher hatte ich mir Matsumoto als die Stadt fuer Weihnachten ausgesucht. Zweihundertundirgendwastausend Einwohner und eine tolle Burg. Schon die Mitarbeiterinnen in der Touristeninformation im Bahnhof waren supernett und konnten sehr gut Englisch. Das Hotel war so nett und hat mich vom Bahnhof abgeholt, obwohl ich meine Anreise zeitlich nicht richtig angemeldet hatte. Statt in zwanzig Minuten kamen sie in fuenfundzwanzig Minuten und haben sich dafuer mehrmals entschuldigt. Dieser Puenktlichkeitswahnsinn ist zum Schreien. Vorm Ryokan (japanisches Hotel) stand auch ein „Welcome Mr. Henrike Schulz“ Schild. Grossartig. Das Zimmer sehr schoen mit Blick auf den Fluss, aber das Beste befindet sich im Keller, das japanische Bad mit grossem Badebecken. Am ersten Tag habe ich es geschafft, meinen Fuss kurz reinzuhalten, am zweiten lag ich dann schon ganz im Wasser. Komme also langsam hier an.
Das Hotel verleiht umsonst Fahrraeder und das ist fuer die Entdeckung von Matsumoto sehr praktisch. Es gibt zwar leichte Huegel, aber vom Hotel in die Stadt rollt man 10 Minuten den Berg runter. Als erstes wurde natuerlich die Burg besichtigt. Die ist sehr schoen und die ganze Aufbereitung ist besser als in Kumamoto. Es gibt viele englische Tafeln und die steilen Treppen und niedrigen Durchgaenge machen viel Spass. Ausserdem standen keine Touristenbusse vorm Eingang. Drumherum gibt es einen schoenen Park und drei Wassergraeben mit Kois, was auf Japanisch soviel heisst wie Karpfen.
Dann gab es eine kleine Fahrradtour in Richtung Ukiyo-e-Museum durch die Stadt und ueber sonnige Reisfelder, im Hintergrund immer die riesigen Gebirgszuege mit Schneezipfeln. Jedenfalls hat das Radfahren soviel Spass gemacht, dass ich vergessen habe, die Ampeln zu zaehlen und irgenwann schon im naechsten Ort war. Aber es war schoen. Das Museum ist sehr interessant. Die haben eine extrem grosse Sammlung und zeigen immer nur einen kleinen Teil. Kann jemand diesem Museum Geld fuer die Heizung spenden? Innen war es kaelter als draussen. Aber vielleicht muessen die Drucke ja gefroren aufbewahrt werden. Ein Mitarbeiter des Museums lud mich dann noch zu einem Diavortrag ein, ich war zu dem Zeitpunkt die einzige Besucherin. Also sass ich in einem verdunkelten Raum, vor mir die Leinwand und hinter mir der aeltere Mann der mit wichtiger Kehlkopfstimme einen Vortrag auf Englisch hielt. Dabei gab es immer so kleine Hinweise, wie in Japan haben schon alle Lesen und Schreiben lernen duerfen, als es in Europa nur einer Elite moeglich war. Ich werde das ueberpruefen.
Dann ging es zurueck in die Stadt zu meinem schon am Vorabend ausgesuchten Ramenrestaurant. Ramen mit Kimchi. Lecker. Dann war es dunkel und sehr kalt. Der Mond kam langsam hinter den Schneemuetzen der Berge hervorgekrochen. Erst waren die Wolken von hinten beleuchtet und dann lugte er hervor und war riesengross. Vollmond an Heiligabend. Jedenfalls kam ich auf die Idee, eine Kirche zu suchen. In meinem Stadtplan waren drei eingezeichnet. Die erste war katholisch, die zweite sah aus wie eine Schule und in die dritte habe ich dann vorsichtig hereingeschaut. Ich wollte nur mal gucken, aber sofort winkten alle, ich solle hereinkommen. Ich wollte nur kurz mein Rad anschliessen, aber schon kam eine junge Frau raus und hiess mich willkommen. In einer halben Stunde war Gottesdienst.
Willkommen in der anglikanischen Kirche von Matsumoto. Erstmal Schuhe aus und Puschen an. Drinnen war es warm und es gab auch zwei alte Oefen mit Wasserkesseln drauf. Jeder bekam eine Kerze und ein Heft mit den Texten und Liedern. Alles in Japanisch und ohne Auslaender. Dann ging das Licht aus und die Kerzen wurden angezuendet. Es gab eine kleine Orgel und ca. 60 Japaner sangen wunderschoen die Weihnachtslieder. Das Karaoke-Training war nicht zu ueberhoeren. Wenn in Deutschland die Langsamkeit der Kirchenlieder an den Nerven zerrt, so hat sie mir hier doch das Mitsingen ermoeglicht. Ein Grossteil des Textes war in Hiragana geschrieben und die Aussprache der wenigen Kanjis hatte man schnell raus. Die junge Frau hat mich auch immer ueber den groben Inhalt der Texte aufgeklaert. Es war sehr schoen. Die japanische Version von „Stille Nacht“ und „Kommet Ihr Hirten“ ist phaenomenal. Die vielen Vokale passen viel besser zum Gesang. Vielleicht finde ich ja in Tokyo noch eine CD, wird aber bestimmt schwierig bei diesem Nischenprodukt. Kirchenglocken gab es nicht, dann Krach machen duerfen hier nur die Tempel.
Danach wurde ich noch zu Kuchen und Tee eingeladen. Alle kuschelten sich in den kleinen Nebenraum und plauderten fleissig. Es gab viele Kinder und war sehr lustig. Jeder, der ein paar Worte Englisch oder Deutsch konnte, wollte mir mir sprechen und es wurden auch fleissig Fotos gemacht. Am Ende habe ich noch Suessigkeiten und Clementinen bekommen. Ich wurde dem Pfarrer vorgestellt und gesegnet. Alle waren sehr nett. Das Herz hopste und ich konnte nur noch gluecklich ins Bett fallen.