Henrike’s Weblog

ABM auf Japanisch

Dezember 19, 2007 · Kommentar schreiben

In Japan gibt es kaum Arbeitslosigkeit und wenn man sich hier umschaut, wird auch schnell klar warum. Es gibt sehr viele Servicejobs, die keinen wirklichen Nutzen haben. Wenn man genauer hinschaut sind viele nur damit beschaeftigt, z.B. die Chipstueten immer wieder geradezuruecken. Trotzdem muss immer der Eindruck der wichtigen Taetigkeit entstehen. Also auch die bloedesten Jobs werden voller Stolz und Pflichtbewusstsein erfuellt. Hier jetzt drei Beispiele von Berufen, die es so in Deutschland nicht gibt:

Willkommensschreier sind meistens Frauen, die vor Geschaeften stehen und „Willkommen“ und „Gucken Sie mal“ schreien. Dabei halten sie dann z.B. eine Schachtel Pralinen oder eine Tafel mit Bildern von Speisen hoch. Ich weiss nicht, ob japanische Frauen nicht anders schreien koennen, aber die Stimmen klingen immer wie quengelige Kinderstimmen. Es scheint auch eine Standardtonlage zu gehen, denn die Schreie klingen immer gleich. Haeufig stehen die Frauen vor den Bahnhofsgeschaeften. Die meisten Bahnhoefe sind gleichzeitig Shoppingmalls und auf dem Weg vom Zug zur U-Bahn legt man gerne mal einen Weg durch mehrere Kaufhaeuser zurueck, wie heute in Sapporo, eingerahmt vom Singsang der Frauen.

Bahndammwaerter fuer U-Bahnen gibt es in Berlin nicht mehr und hier in Japan wird das besonders zelebriert. Es gibt eine imposante Uniform mit Muetze fuer Maenner und Frauen. Kurz bevor der Zug einfaehrt zeigt der Waerter mit einem Stab in Richtung des Zuges und schwingt diesen dann wie eine Keule in die andere Richtung. Quasi als ob er dem Zug den Weg zeigen moechte. Dabei guckt er ganz, ganz wichtig und streng. Die Reisenden halten sich also von der Bahnsteigkante fern, aber das tun sie ja sowieso, denn sie stehen in den mit Linien auf dem Boden markierten Warteschlangen. Manchmal gibt es fuer die Bahnsteigwaerter Stress und dann fangen sie an zu laufen. Dabei versuchen sie aber moeglichst unauffaellig zu laufen. Bleiben mit dem Oberkoerper gerade und versuchen sich eher wie Geher zu bewegen. Kaum liegt etwas Muell auf dem Boden, so eilen sie herbei. Leider sind die Bahndammwaerter mit Herumfuchteln und Herumlaufen und Herumgucken immer so beschaeftigt, dass man sie nie etwas fragen kann.

Autowinker stehen meist an Baustellen oder an Ausfahrten von Parkhaeusern oder Firmen. Sie sind auffaellig mit Reflektorstreifen versehen und tragen einen Leuchtstab. Kommt ein Auto gefahren, dann winken sie es heraus oder vorbei. Das klingt jetzt vielleicht erstmal notwendig, aber in Deutschland ist man bisher auch immer von allein aus dem Parkhaus gekommen… Die Groesse der Baustelle scheint in Japan auch keine Rolle zu spielen. Ich habe schon Minibaustellen in kleinen Nebenstrassen gesehen. Da haben zwei Menschen auf 8m Strasse aufgepasst. Den ganzen Tag. Schoen in der Kaelte auf Autos warten. Und dann immer schoen verbeugen fuer die Unannehmlichkeit, die man dem Autofahrer bereitet. Diesen Job haben meist aeltere Maenner.

Ausserdem gibt es noch Fahrstuhlfuehrer, an-der-Kasse-im-Restaurant-Sitzer, Automat-mit-drei-Tasten-Erklaerer, Tueraufmacher… Und ich waere gern Autowinker-mit-heissem-Tee-Versorger.

Kategorien: Japan
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Mixed Dorm

Dezember 19, 2007 · Kommentar schreiben

Hostel in KyotoIrgendwann tauchte Ashley im Mixed Dorm auf. Und es war gleich komisch. Die Situation auch sie selbst, mit ihrer Dauerwelle. Sie stellte sich sofort vor, in einer Art, als haette sie irgendwo gelesen, dass man das so macht in solchen Hotels. „Hello, I`m Ashley. I`m travelling. Together with him. But he is my brother.“ Und noch so eine komische Gestalt schob sich in den Raum. Am naechsten Morgen konnten dann auch die anderen die Neuankoemmlinge in ihr Herz schliessen. Die beiden begannen Punkt sechs aufzustehen und wahrscheinlich diverse Male ihr Gepaeck umzusortieren. Dabei wollten sie keine Geraeusche machen und das ist das Schlimmste. Man kann einen Reissverschluss aufmachen, man kann aber auch das Knacken jedes Zapfens geniessen. Nach einer Stunde waren sie dann endlich weg. Sonntagmorgen…

Abends wusste ich schon, dass die anderen drei im Zimmer abgereist waren und freute mich auf einen Abend mit meinen beiden First Time Travellern. Es gabe keine Gespraeche, die beiden sortierten wieder ihr Gepaeck um. Lady Ashley hat allein 14 Packungen Koerperkosmetik im weitesten Sinne dabei gehabt. Das ist dann natuerlich kompliziert.

Die Rettung kam in Form von drei Australiern, die das Zimmer stuermen, ihre Sachen unerlaubt auf den Boden warfen und schon zogen wir los zur naechsten Bar. Ashley wollte schon schlafen, aber Ashleys Bruder kam mit und war nach einem Napf Sake der Spielverderber. Auf der Suche nach dieser Bar, die vom Hotel empfohlen wurde, habe ich eine Gruppe japanischer Geschaeftsleute gefragt, die das lustig fanden und einer hat uns dann gleich noch bis zur Bar gebracht. Supernett. Da war es dann auch sehr cool. Es gab heissen Sake und richtig gutes Essen. Wir hatten japanisches eingelegtes Gemuese und einen Sashimikorb. An sich bekommt man keine grossen Portionen, es ist aber alles immer wahnsinnig aufwendig angerichtet und von sehr hoher Qualitaet. Und so habe ich zum ersten Mal rohen Seeigel und so eine rohe Riesenmuschel gegessen, eine mit Stacheln. Besonders der Seeigel war sehr lecker und zerging auf der Zunge. Toll ist auch die Klingel auf dem Tisch, mit dem man die Bedienung rufen kann. Das kann sehr praktisch sein und man wird nicht staendig vom Personal belaestigt.

 Danach gab es noch Dosenbier bis sehr spaet in die Nacht und Ashley und ihr Bruder haben uns sicherlich verflucht.

Kategorien: Japan · Reisen
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Kyoto in slow motion

Dezember 19, 2007 · Kommentar schreiben

Gestern wollte ich nur kurz Geld wechseln, zwei Pakete aufgeben, Fahrkarte kaufen und dann ab ins Mangamuseum. Aber ne, alles anders. Ich habe einen halben Tag bei der japanischen Post verbracht, die gleichzeitig die groesste Bank der Welt ist. Um Geld zu wechseln musste man wie auf dem Amt eine Nummer ziehen und dann sehr lange warten. Dabei wurden bestimmte Nummern nur von einer Person abgearbeitet, waehrend andere von drei Mitarbeitern bearbeitet wurden. In Japan regen sich die Leute aber nicht auf, sondern ertragen ihr Schicksal geduldig. Warten und warten. Dabei habe ich nicht verstanden, warum die Leute erst am Schalter ihr Anliegen vortragen und sich dann wieder setzen. Die Postbankbeamten rufen dann noch ein zweites Mal auf und bearbeiten den Vorgang quasi ungestoert. Ich habe mich dadurch eher noch mehr als Bittsteller gefuehlt.

Im gleichen Gebaeude war auch gleich die Paketabgabestelle und da war es eigentlich erstmal ganz lustig. Es gab einen grossen Tisch mit Stuehlen, an dem mehrere alte Leute sassen und Weihnachtspostkarten, die es in Paketen zu kaufen gibt, mit von der Post bereitgestellten Motivstempeln bedruckten. Da waren Tiere, Blumen oder Glueckwuensche drauf. Die Leute stempeln fleissig und muessen dann nur noch die Adressen eintragen. Das scheint sehr verbreitet zu sein, da wirklich viele stapelweise Postkarten bedruckten. Dabei waren sie alle sehr gespraechig und ignorierten voellig, dass ich so gut wie nichts davon verstehe.

Beim Paketabgeben gab es dann Probleme, weil Absender und Empfaenger den gleichen Nachnamen hatten. Ich verstehe bis jetzt noch nicht, was daran das Problem ist. Die Diskussion hat allerdings fast eine Stunde gedauert und diverse Leute involviert. Sie wollten das Paket so aber auch nicht annehmen und es mir auch nicht wiedergeben, so dass ich zu einer anderen Post haette gehen koennen. Das waere natuerlich auch sehr unhoeflich gewesen. Die Post scheint in diesem schnellen, perfekt organisierten Land noch eine kleine Oase der Langsamkeit zu sein. Vielleicht versteht ja jemand, der das hier liest, worin das Problem bestanden haben koennte.

Danach wollte ich mir noch schnell eine Nachtzugfahrkarte kaufen und bin leider an eine nicht so „gute“ Schalterbeamtin geraten. Sie konnte nicht so gut Englisch, was an sich nicht das Problem ist, weil dann normalerweise eine Kollegin geholt wird, die es vielleicht ein bisschen kann. Jedenfalls war ihr das unangenehm und sie hat wirklich Ewigkeiten in irgendwelchen Unterlagen nach Standardenglischsaetzen gesucht, um mir etwas zu erklaeren. Ich kannte bereits den Preis fuer das Ticket und sie wollte die ganze Zeit mehr als das Doppelte dafuer haben. Dann habe ich sie gebeten, doch eventuell mal jemanden zu fragen, der etwas besser Englisch kann. Daraufhin ist sie nach hinten verschwunden und lange nicht mehr wiedergekommen. Ich stand dann da und kam auch nicht an meinen Japan Rail Pass ran, weil der auf ihrem Tisch lag. Irgendwann ergab sich dann die Gelegenheit, die Nachbarverkaeuferin zu fragen und die hat verstanden was ich will und es mir auch verkauft. Die Schuechterne kam dann irgendwann wieder, sie tat mir auch leid, aber irgendwie hat es auch nichts gebracht, beschaemt auf den Boden zu gucken, wenn jemand eine Fahrkarte kaufen will.

Adios Mangamuseum. Zu spaet fuer irgendwas. Ausser einem schnellen MegaTomato bei McDonalds.

Kategorien: Japan
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